Green Luxury
„Gucci-Gebiete“ nennt der Öko-Vordenker und kenianische Designer Anthony Russel das Naturschutzgebiet Masai Mara und den Kilimandscharo. Jene Tourismus-Rennstrecken in Afrika, zu denen Gäste scharenweise herangekarrt werden. Schnell rein ins Flugzeug und ab in die Wildnis. Elefanten, Zebras, Giraffen. „Klick-Klick-Time“. Am Abend ein Lagerfeuer, am Morgen ein Brunch am Nilpferdpool. Dann werden sie aus den kleinen Propellerflugzeugen wieder an den Stränden Kenias ausgespuckt. Wildnis ist gut. Zu viel Wildnis könnte zu anstrengend sein.
Russel beschreitet völlig neue Wege. Die Massai am Tourismus beteiligen, Armut bekämpfen und Artenschutz fördern – das sind die drei Eckpfeiler der Shompole Lodge. Die Lodge entstand durch die einzigartige Kooperation von Massai-Expertise mit westlichem Know-how: Im Jahr 2000 stellten hier, rund 120 Kilometer von Nairobi entfernt, die ansässigen Loodokilani-Massai 40 Quadratkilometer Boden sowie ihre Arbeitskraft für den Bau einer Lodge zur Verfügung. Sämtliche Baumaterialien und -stoffe – vom Feigenholz für die Betten bis zum Sumpfgras für die Strohdächer der Hütten – stammen aus der Umgebung und wurden den Massai abgekauft.
Im Gegenzug steuerte der Reiseveranstalter „The Art of Ventures“, ein Mitglied der Ökotourismus-Gesellschaft Kenias, Tourismuswissen und die Finanzierung bei. Anfangs besaßen die Ureinwohner rund elf Prozent an dem Projekt. Jahr für Jahr gehen mehr Anteile in ihren Besitz über, bis schließlich der Hauptanteil der Lodge den Massai gehört und die vollständige Kontrolle des Projekts in ihren Händen liegt. Daran verdient die lokale Gemeinschaft sehr gut: Ein Eintrittspreis von zehn Euro für das Gebiet hat in den letzten sechs Jahren mehr als 130.000 Euro zusätzlich in die Kassen gebracht; ein Umweltpreis war mit 20.000 Euro dotiert. Mit den Einnahmen wird auch die Schule der Region unterstützt; allein im Jahr 2010 konnte 47 Kindern der Schulbesuch finanziert werden.
Das Geld wird sinnvoll investiert: In den Dörfern des 140 Quadratkilometer großen Naturschutzgebietes wurden Wasserleitungen verlegt. Die Massaifrauen müssen seitdem nicht mehr zum Fluss gehen, um Wasser mühsam heranzuschleppen. Stattdessen können sie kunsthandwerkliche Produkte fertigen. Ihre Perlenstickereien – eine traditionelle Handarbeit der kenianischen Wildnis – werden in der Shompole Lodge verkauft. Das führt dazu, dass in der seit jeher von Männern dominierten Massai-Gesellschaft endlich auch Frauen finanziell unabhängiger leben können. Mit dem Geld kaufen sie Ziegen, Essen und Kleidung und bezahlen Schulgebühren.
Die neue Einnahmequelle Tourismus hat nicht nur direkte Auswirkungen auf den regionalen Schulunterricht, sondern ebenso auf den Wildtierschutz. Viele ehemalige Jäger führen heute Touristen durch die Wildnis, um ihnen Löwen zu zeigen. Geschossen wird nur noch mit der Kamera. Denn: je mehr Löwen, desto mehr Touristen – und damit mehr Geld für die Massai.
Dieses Konzept hat Schule gemacht: Viele Lodges und Camps in Ostafrika setzen verstärkt auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Inzwischen funktionieren bereits einige hochwertige Oasen in der Wildnis nach diesem Prinzip: Il Ngwesi Lodge und Borana in der Laikipia Region im Norden Kenias, Campi ya Kanzi in den Chyulu Hills, Naibor Camp in der Nähe der Masai Mara und Shompole, oberhalb des Natronsees im Great Rift Valley. Grün statt Gucci – so lautet das neue Motto mitten in Afrikas Savanne.