Art & Design, Die Insider
Er ist Globetrotter. Autor. Journalist. Derzeit lebt Gerhard Waldherr in Berlin. Gesehen hat er fast die ganze Welt – und er hat seine Eindrücke im neuen Buch „Bruttoglobaltournee“ zusammengefasst.
Wo hat sich das urige Berlin versteckt?
In den alten, rustikalen Eckkneipen wie dem Xantener Eck (Xantener Str. 1), das auf Eisbein spezialisiert ist, im Metzer Eck (Metzer Str. 33), der ältesten Kneipe des Prenzlauer Bergs, oder in der Henne, einem Mix aus Kneipe und Wirtshaus in Kreuzberg (Leuschnerdamm 25), weltweit führend bei Milchmasthähnchen mit Salzkruste. Auch am Richardplatz in Rixdorf/Neukölln, der einen daran erinnert, was Berlin einmal war: ein Haufen Dörfer.
Wenn wir schon beim Essen sind: Berlin genießen, gut und günstig. Wo?
Im schon erwähnten Nansen, mein Favorit, die Hirschkalbkeule mit Selleriepüree und Serviettenknödeln, ist freilich ein bisschen teurer. Außerdem in der Feinbäckerei (Vorbergstr. 2), deren Küche unter „Schwäbisch und mehr” firmiert, und im Ixthys (Pallasstr. 21): das beste Bulgogi westlich von Seoul.
Wenns exquisite Küche sein soll?
Ich kann drei Lokale empfehlen: Borchardt (Französische Straße 47). Da sitzen die Berühmten, Schönen, Wichtigen und die, die es gerne wären. Aber dann kommt man rein, kurz nach Mitternacht, und es dampft vor Leben. Dann das Horvath (Paul-Lincke-Ufer 44a), wo Sebastian Frank auf höchstem Niveau kocht (bekannt aus dem Steirereck in Wien). Und auch bei den Preisen – sieben Gänge für 65 Euro – kann man schwer meckern. Schließlich: Tim Raue (Rudi-Dutschke-Straße 26). Ein Stern, 18 Gault-Millau-Punkte. Das Restaurant ist vom Interieur her Geschmackssache (Holz, türkise Stühle, rote Wand, chinesische Vasen), beim Signature Dish „Peking Ente Interpretation TR” kann man nur einer Meinung sein: grandios!
Nach dem Essen: Party! Wohin gehts?
Momentan rennen alle ins King Size (Friedrichstr. 112b): eng, voll, laut, Rauchzwang, Cocktails aus Whisky-Tumblern, Tanzen in einem schmalen Gang zwischen Tresen und Toiletten. Dann ist da der Festsaal Kreuzberg (Skalitzerstr. 130). Die haben einfach alles. Fave Rave, Soul Explosion, Folk aus Schweden. Dazu Lesungen, Diskussionsabende, Partys, Modenschauen, Familienfeiern, Boxen. Und das Ex’n’Pop (Potsdamer Str. 157). Legendär wegen seines gleichnamigen Vorläufers, wo David Bowie, Iggy Pop und Lou Reed während ihres Westberliner Drogenmissbrauchselbstfindungsversuchs der Legende nach häufiger vom Barhocker fielen.
In ihrem “Bruttoglobaltournee” geht es um Globalisierung. Wo begegnet Ihnen das globalisierte Berlin?
Wenn jetzt nicht die chinesischen Touristen gemeint sind, die fotografierend das Brandenburger Tor blockieren, die Russen, die halb Berlin Mitte aufgekauft haben oder die charmanten Serviererinnen im Restaurant Nansen (Maybachufer 39) – sehr empfehlenswert, dann geht man morgens um drei zum Rosenthaler Platz, wo sich Alteingesessene, Neuberliner aus aller Welt und Touristen auf ein Bier und einen Döner treffen.